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Microsoft HoloLens: Das Holodeck für Arme?

Foto: Sandra Schink

Ich versuche, meine ersten HoloLens-Eindrücke zusammenzufassen. Aber das Einordnen fällt mir ungemein schwer. Zu krude erscheint mir die jetzige Technik. Auf der anderen Seite loben irre viele Blogger/Journalisten die Technik. Wie kommt es, dass ich irgendwie im Jetzt noch nicht Feuer und Flamme bin?
Das Problem hat primär mit dem sehr eingeschränkten „Field of View“ zu tun: Das menschliche Auge umfasst im scharfen Blickfeld plus am Rand einen weitaus größeren Raumbereich als die Hololens (Wikipedia: „Bei einem Erwachsenen beträgt die horizontale Ausdehnung des binokularen Gesichtsfelds bis etwa 180°, die vertikale zirka 60° nach oben und 70° nach unten. Das binokulare Gesichtsfeld erstreckt sich also über etwa 1/3 des gesamten Raumes.„).  Die Hololens packt horizontal gerade einmal 30-40 Grad. Aber es geht nicht nur um das.

Was ist Hololens?

Microsoft hat den Trend aufgegriffen, die mit der Occulus Rift und den vielen anderen Virtual-Reality Brillen erneut zu einem Schwerpunktthema in der IT geworden sind. Allerdings hat sich Micrsoft entschieden, das Ganze einen Schritt weiterzudenken. Anstatt eine komplette 3D-Umgebung über die Brille einzublenden (sozusagen nichts weiter als ein 3D-Monitor), mischt Hololens die reale Umgebung mit eingeblendeten Grafiken. Salopp gesagt: Das Holodeck für Arme.
Wer es immer noch schwer hat, sich darunter etwas vorzustellen:

Das sieht zunächst einmal toll aus. Aber halt: Das sind Werbevideos. Werbevideos sind nicht real? Sorry, das ist leider so.

Wieso für Arme?

Die meisten werden das Holodeck auf dem Raumschiff Enterprise kennen und vor Augen haben. Toll, nicht wahr? Aber die Hololens ist mit ihrem grafisch eingeschränkten Blickfeld, der rechts schwachen Lichtintensität der grafischen Elemente, der geringen 3D-Grafikschärfe und der Flüssigkeit der Darstellung doch sehr, sehr weit weg von dieser Idee.

An derart vielen Bereichen merkt man, dass die Entwickler noch unfassbar viel Arbeit vor sich haben. Wie dreht man den Kopf wohin, warum wird ein Element scharf oder aktiv, wie bedient man die Elemente, wozu braucht es eine klassische 2D-Tastatur (kompletter Unsinn imho), was ist mit Sprache, was ist mit Augenbewegungen, woher kommt der Ton und wie entfernt soll er klingen, warum wurde der Raum nicht genau erfasst, wieso erkennt das System den Tisch nicht? Alles das und noch viel mehr gehört als fettes, dickes Problempaket dazu, damit Mensch sagt: „Okay, das ist wirklich nutzwertig“. Es ist zwar erstaunlich, dass dies überhaupt schon einmal ansatzweise geht, aber es sind eben nur Ansätze. Ich weiß, das man sich das anschauen muss, um es selbst zu erfahren. Meine Erfahrung war genau diese: Nett, aber da ist noch viel Arbeit zu erledigen.

So liest man in den Berichten öfters, dass die Idee der Multiscreens cool sei. Hinter mir ein frei schwebendes YouTube Fenster, rechts von mir Skype, links von mir Facebook und unten am Bode laufen animierte Tierchen durch die Gegend, die sich hinter Stühlen verstecken. In der Tat, Stichwort verstecken: Hololens misst mittels Kameras einen Raum aus und versucht die Dimensionierung aber auch die Gegenstände zu verstehen. Ich weiß, was ein Stuhl ist, wozu der gut ist, der Computer hat damit so seine Probleme. Er weiß im Moment nur, dass eine ebene Fläche gibt, auf der man etwas platzieren könnte, das am Rand dann herunterfällt. Aber dennoch: Frei schwebende Fenster irgendwo, wohin ich meinen Kopf hindrehen muss? Noch eine Nummer heftiger wird es, wenn die grafischen Fenster eine Art Interaktion mit der räumlichen Gegenstand auslösen sollen. In etwa das Heizungsthermostat, dessen aktuelle Temperatureinstellung angezeigt werden soll, die ich dann auch noch verändern kann? Auch hier liegt noch ein unfassbar langer Weg an hunderttausenden Arbeitsstunden vor den Entwicklern.

Das sind alles extrem weite Wege, bis es sich flüssig und akzeptabel anfühlt. Nur guggen ohne Interaktion ist doof. Ok, zu Trainingszwecken einen Dickdarm aus allen Richtungen betrachten, während der Professor seinen Studenten die Funktionsweise veranschaulicht? Vom Gedankenansatz ok. Aber dazu muss erstmal ein Gruppeninterafce her. Ein einfaches „schauen sie die Windung an“ bringt nichts. Man muss schon genau zeigen können, was man meint. Räumliche Bezugspunkte sind für Grafiker etwas völlig neues. Die müssen das überhaupt erstmal lernen. Im Moment wird noch auf einem Videobild herumgekritzelt (siehe das Beispiel von Thyssen Krupp).

Status Quo

Microsoft tat gut daran, den Spaß zunächst einmal nur der Industrie zur Verfügung zu stellen. Die haben das Geld, um sich +3k bis +5k für eine HoloLens zu leisten. Die haben womöglich die Ressourcen, Ideen umzusetzen, was man damit tun könnte. Zugleich kann Microsoft mit den Industriekunden lernen, Hardware und Software verbessern. Neben den zahlreichen Ankündigungen, dass eine Art Windows 10 Holographic Update kommt, MS Paint um 3D Elemente aufgebohrt wird, Handykameras reale Objekte in 3D ausmessen können, und so weiter.

Es handelt sich nach wie vor um eine irre frühe Technik, die dem Hype des Haben-Wollens nicht gerecht werden kann und will. Aus PR technischen Gründen nimmt Microsoft den positiven Buzz natürlich gerne mit, aber von einer breiten Welle an mega-geilen Anwendungen sind wir noch Jahre entfernt.

Was den imaginären Ausblick angeht, machen wir uns nichts vor: Natürlich ist es supercool, mit einer sauleichten Brille durch die Gegend zu laufen und flüssig mit der Umgebung kontextgenau zu interagieren, Räume zu scannen („sie brauche exakt 3,75 Km bis sie zu dem Hochhaus kommen, da rechts ist die S-Bahn Station, da vorne der Taxistand“), deren Dimension und Objekte der Compter versteht. Diese Holodeck-Welt, die flüssig zwischen Realwelt und Zusatzschichten an virtuellen Objekten (einfache Info-Fenster bis hin zu komplexen 3D-Darstellungen) wechseln kann, ist eine tolle Zukunft. Und schön, dass sie Microsoft stärker ins Auge fasst. Ohne zu sagen, dass es nur noch ein Windows in 3D geben wird, was ich für kompletten Quatsch halte. Dafür haben 2D-Darstellungen einen unschlagbaren, ergonomischen Vorteil.

Leider muss ich dazusagen, dass Microsoft schon einiges an tollen Ideen in peto hatte, die im Sande verliefen. Es wäre auch hier dann nicht das erste Mal. Microsoft ist ein etwas wankelmütger Konzern.

 

    

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