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Smart Woman: Warum uns dieses Magazin wirklich aufregen sollte

Pssst… möchtest Du eine smarte Frauenzeitschrift kaufen?!

Foto: Robert Basic

Stellt Euch vor es ist 1996, Ihr habt noch nie mit einem Computer gearbeitet und vom Internet habt Ihr bisher nur Geschichten gehört. Jetzt drückt Euch jemand ein Windows-Phone in die Hand und sagt: „Das ist ein intuitiv bedienbares Smartphone, mit dem Sie sicher und einfach ins Internet kommen.“

Na, kämt Ihr klar? Mit diesen fliegenden Fenstern und den etlichen Optionen und den ganzen Einstellungen, die Ihr erst mal vornehmen müsstet? Wäre Euch klar, dass dieser günstige Datentarif, den Euer Handyverkäufer Euch andreht, unfassbar teuer werden kann, wenn Eure Smartphone-Apps Hintergrundaktualisierungen benötigen?  Würdet Ihr überhaupt wissen, was Apps sind? Würdet Ihr so sorglos wie heute Eure Adressen und Telefonnummern ins Internet tippen? Ihr, die Ihr vielleicht damals noch gegen die Volkszählung auf die Straße gegangen seid?

Würdet Ihr verstehen, wie man einen Browser bedient? Was eine App ist? Warum die Kamera 14 verschiedene Aufnahme-Modi hat und manchmal einfach filmt statt zu fotografieren? Warum alle Eure Fotos plötzlich bei Facebook veröffentlicht wurden, weil Ihr versehentlich irgendwo drauf gedrückt habt?

Überhaupt, Facebook! Dafür würdet Ihr erst mal eine E-Mail-Adresse benötigen. Wo würdet Ihr die anlegen wollen, und wie würdet Ihr da hin kommen? Und wenn Ihr dann eine E-Mail-Adresse und sogar einen Facebook-Account hättet, wüsstet Ihr dann genau, wer welche Eurer Postings sehen könnte? Hättet Ihr da überhaupt den Mut irgendetwas zu veröffentlichen?

Es gibt diese Menschen heute, 20 Jahre nach der breiten Einführung des Internets für alle, tatsächlich noch. Meine Mutter gehört zum Beispiel dazu. Könnt Ihr Euch nicht vorstellen, oder? Ist aber möglich. Sie ist Jahrgang 195o und hat bisher sehr gut ohne Computer, Internet und Smartphone überlebt. Für sie ist unsere Welt eine völlig fremde, komplizierte und sogar bedrohliche Welt. Neuland eben.

Und es gibt noch etliche Menschen jenseits des Neulands. Laut Statista waren im Jahr 2015 77,6% der deutschen Bevölkerung online. Das heißt, 22,4% sind es nicht. Diese Menschen sind da, aber wir nehmen sie nicht wahr, denn sie sind ja nicht online. Sie unterschreiben alle keine Online-Petitionen. Aber sie gehen wählen. Von den über 60jährigen sind überhaupt nur 48% online.

Und wieviele von den 77,6%, die online sind, sich frei und sicher im Internet bewegen oder wieviele davon passive Karteileichen sind, die zwar einen Internetanschluss oder einen Datentarif auf dem Smartphone haben, und deshalb in die Online-Statistik mit einfließen, das Internet aber so gut wie gar nicht nutzen, das vermag niemand zu sagen.

Der Aufschrei über ein Frauenmagazin mit krudem Gesellschaftsbild

Jetzt gibt es das von der WEKA Publishing Gruppe herausgegebene Magazin „Smart Woman“ – und der Aufschrei unter den technikaffinen Frauen und Frauenverstehern des Internets ist groß, laut und empört*. Denn der Inhalt und die Aufmachung kann uns nur irritieren. Aber es macht uns Netzarbeitern auch nochmal deutlich, dass wir nicht alle sind: Außerhalb unserer virtuellen Bubble gibt es heute nicht nur etliche Frauen – und natürlich auch Männer – die nur wenig Ahnung von der aktuellen Kommunikationstechnik haben. Sondern dass deren Gesellschaftsbild noch so bieder und für uns so befremdlich erscheint, wie die frauenfeindlichen Folgen des „7. Sinn“, der Verkehrserziehungssendung aus den 70ern im WDR.

Nicht zuletzt, weil sich die Welt außerhalb des Kommunikations- und Informationsmediums Internet, in dem wir Netzmenschen uns seit Jahrzehnten so selbstverständlich bewegen, nicht so schnell entwickelt hat, wie wir uns das vorstellen.

Statt uns darüber zu mokieren und beleidigt zu sein, sollten wir überlegen, wie WIR Netzleute diese Menschen erreichen und auf den aktuellen Stand von Technik und Gesellschaft bringen. Online jedenfalls mal nicht.

Ich hätte mir ein smartes Einsteiger-Magazin für Frauen UND Männer gewünscht. In dem tatsächlich sehr einfach der Weg ins Internet mit all seinen Stolperfallen und Tücken erklärt wird.

Das Empfehlungen für Smartphones ausspricht, die wirklich geeignet für Internet- und Smartphone-Einsteiger sind. Das Datentarife so einfach und übersichtlich erkärt, dass man versteht was mit all den Bezeichnungen wie Roaming & Co gemeint ist und was sie bedeuten können. Das Schritt für Schritt den Weg ins Internet erklärt, was man beachten sollte und wie man sich dabei sicher fühlen kann.

Offline-Menschen an die Hand nehmen – also so richtig

Wir können uns darüber aufregen, dass diese Zeitschrift „Smart Woman“ so modern daher kommt, wie das Wort „modern.“ Bieder, altbacken, aus der Mode gekommen eben. Und darüber, dass es erschütternd ist, mit welchen Frauen-Stereotypen à la „Das Goldene Blatt“ in dieser Zeitschrift gearbeitet wird.

Wir könnten aber auch überlegen, wie wir es besser machen können. Wie ein Print-Magazin aussehen sollte, das Frauen UND Männer erreicht, die die ersten Schritte ins Internet machen. Das dabei die Augenhöhe zwischen Frauen und Männern aus der Netzwelt in die Realwelt transportiert. Und so mit kruden Stereotypen aufräumt, die längst nicht mehr zeitgemäß sein sollten. Und dann sollten wir dieses Magazin einfach machen…

*Weiterführende Links

Heike Scholz, Herausgeberin des Online-Magazins Mobile Zeitgeist, hat mit dem Smart-Woman-Chefredakteur gesprochen: smartWoman: Zeitschrift für Frauen mit Smartphones

Su Steiger, ehem. Chefredakteurin eines IT-Magazins: Smart – Wo? Man – manman … eine Blattkritik

Angela Gruber für SPIEGEL online: Neues Technik-Magazin „Smart Woman“: Computer sind hässlich, liebe Damen.

Paul Garbulski frotzelt in VICE: Dank dem neuen Magazin smartWoman lernen Frauen zu telefonieren

Hannah Pütz fragt in der taz online, ob das Smartphone richtig gehalten wird: Neues Frauenmagazin „smartWoman“ – Voll die Spaßbremse

    

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